Kutschenreisen
Bericht eines Reisenden über eine Kutschenreise
 




Reisebericht

über eine klassische Kutschfahrt durch die Altmark

vielleicht so wie vor etwa 100 Jahren


Gleich zu Beginn gesagt:

für Naturliebhaber etwas Erlesenes, Außergewöhnliches, erlebt in zwei Tagen, nirgendwo sonst angeboten als von dem Reiterhof Neulingen. Ein altes Gutshaus, ca. 35 km östlich von Salzwedel in der Nähe des Arendsees, nur 160 km von Hamburg entfernt.

Hier pflegen Harriet Stoltenberg und Heinrich Rathsmann beide

studierte Betriebswirte bzw. Sportpädagogen und Reit-und Fahrlehrer A

der FN - Horsemanship der natürlichsten Art mit Gefühl und Verstand, zugänglich für Jedermann.


Mit drei Friesenhengsten in Dreieranspannung, Einhorn genannt, starteten wir frühmorgens in einem komfortablen Jagdwagen mit 7 Reisenden querfeldein, nur einmal in insgesamt 85 km wurde eine Bundesstrasse gequert. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, würzige Luft in den Mischwäldern, betörender Duft von den endlos grossen knallgelb blühenden Rapsfeldern.


Die Wiesen im satten Frühlingsgrün, übersät mit hellgelben Löwenzahnblüten, am Wegesrand weiss, lila, dunkelrot blühende Fliederbüsche, so ging es in zügigem Trab voran. Freies Feld mit noch teils winternassen Wegen wechselte mit Apfel-, Pflaumen- und Mirabellenalleen.





Weit voraus schon zeichneten sich, in die umgebende Natur geduckt, kleine Dörfer, bestehend aus Höfen, in Backsteinziegeln erbaut, und mit aus Feldsteinen gebauten Kirchtürmen, die weit die Dächer überragten, am Horizont ab. Nach 10 Minuten erreichten wir auf altem Kopfstein-

pflaster mit lautem Hufschlag fahrend dieses Dorf und kehrten in einen großen Hof zur Mittagsrast ein.


Erst wurden die Pferde ausgespannt und in geräumigen Boxen mit Wasser und Futter versorgt, dann bewirtete uns fast liebevoll die Familie des Hofes auf der sonnigen Terrasse köstlich und üppig. 

Nach gut eineinhalb Stunden Wiederanspannen und weiter durch die Wische der Altmark. Nun wurde das Gelände offener, Ulmen in Reihen und knorrige Eichen in Gruppen verteilten sich über Wiesen bis zum Horizont.

Heinz kennt diese Gegend und somit die schönsten Wege ganz genau und erklärt uns, dass seinerzeit vom Preußenkönig die Obstbaumanpflanzungen angeordnet wurden: Vitamine für das Volk! Allein über 1000 verschiedene Apfelsorten soll es geben, geerntet heutzutage wohl nur noch von den Vögeln - „man“ kauft sogenanntes OBST im Supermarkt aus fernen Ländern.


Wir sind alle ergriffen von der Vielfalt der Natur!

Diese Rundumsicht gibt es nur von der Kutsche aus. Die schwarzen Pferde glänzen, wippend im Trabrhytmus schwingen die langen Mähnen.

Djoure als Führpferd, Elvis rechts und Albert links zeigen durch aufmerksames Ohrenspiel und Zug- kraft, dass sie mit ihrem Fahrer zufrieden sind und eine Einheit bilden. Drei der Fahrgäste durften auch einmal abwechselnd das „Vierleinengefühl“ erleben auf dem Kutschbock, wir hatten vorher unsere Fahrprüfung gemacht.





Nach zwei Stunden wurden Djoures Tritte plötzlich erhabener und sein Kragen (Hals) immer größer, wir erreichten die Elbtalauen, und er

witterte den Elbstrom. Ein kurzer „Picknick“-Stop

mit Kaffee und Kuchen, dann zogen wir durch

teilweise noch mit Elbwasser bedeckte Wiesen auf

befestigten Dämmen dahin. Nach Überwinden des letzten Deiches zeigte sich majestätisch die Elbe.


An der Fähranlegestelle nach Havelberg Ausspannen, Verladen von zwei Pferden in einen Anhänger, Djoure führten wir an der Hand hinterher mit etwas mulmigem Gefühl, da die Fähre sehr klein ist und nach dem Gierseilprinzip von Ufer zu Ufer durch die Kraft des Stromes getrieben wird. Eine geniale Erfindung eines Holländers 1682, kein Kraftstoffverbrauch, keine Umweltbelastung.








Alles ging gut, Wiederanspannen und Einfahrt in Havelberg, über uralte Kopfsteinpflaster der Altstadt, durch engste Gassen direkt am Wassser entlang, Kinder und Erwachsene winkten uns freundlich zu. Nach 5 km hatten wir das Tagesziel erreicht, den kleinen Bauernhof des Pferdezüchters Fritze, auch hier direkt über dem Pferdestall ein bewohntes

Storchennest. Abwaschen der Pferde und fütter
n, wir hatten ein gutes Quartier und sanken nach

dem Abendbrot in den Schlaf.

Mit frisch geputzten Pferden frühmorgens Weiterfahrt durch die riesigen Havelwiesen, dem Territorium der Störche und Fischreiher. So näherten wir uns durchin voller Blüte stehende Kastanienalleen dem alten Gestütsweg von Redefin nach Neustadt-Dosse.


Die Anfahrt nach   Neustadt-Dosse durch umzäumte Wiesen und Lindenalleen, vorbei an einem alten Pferdefriedhof für berühmte ehemalige Zuchtpferde des Gestüts, erfolgte in stolzem Trab, die Pferde waren sich der Würde ihresAuftritts durchaus
bewußt. So musste es wohl früher im Osten gewesen sein: in

Trakehnen, Insterburg, Masuren. Vor mir tauchten Bilder aus Büchern auf, die ich als Kind

verschlungen hatte. Ich erinnerte mich in träumerischer Form an meine ersten Lebensjahre in

Masuren, die ich dort auf dem Bauernhof meiner Großeltern erlebt                                       hatte, es hat mich wohl geprägt.

Nach sorgfältiger Versorgung der braven Pferde, denen man die                                         

bewältigten 85 km nicht ansah, und einer ausführlichen Gestüts-                                    besichtigung mit Fohlenschau traten wir die Heimreise - Pferde und                                    

Kutsche auf Anhänger verladen - müde aber glücklich an. Die Fahrt                                           

über Bundesstraßen zurück nach Neulingen zeigte uns nicht annähernd das, was wir in 2 unvergeßlichen Tagen still genossen hatten.


Dank an Harriet und Heinz, die diese Reise sorgfältig geplant und organisiert hatten. Großer Dank an Djoure, Elvis und Albrecht, die uns einen hippologischen Hochgenuß ermöglicht haben.


P.B.